Es begann mit einer Reise in die Sahara
"Wenn du am Ende bist, gehe ins Nichts, dort bekommst Du alles..."
Ich stehe vor dem Ende
Es ist das Jahr 2001. Als Gesellschafter und Geschäftsführer einer GmbH stehe ich trotz meiner 20 Mitarbeiter alleine vor den Ruinen meiner Firma. Sie steht vor dem Bankrott, die Banken machen Druck und ich weiß nicht mehr weiter. Da zieht meine Frau die Reißleine und schickt mich in die Wüste, weit weg von meinen Problemen, um "Energie zu tanken", bevor wir unserem privaten Ruin ins Auge sehen, wie das Kaninchen vor der Schlange. Einen Versuch ist es wert, also wage ich das Abenteuer.
Sahara, mon amour
Und da bin ich dann, in der Wüste: für die meisten Menschen der Inbegriff der Einöde, Einsamkeit, Unwirtlichkeit, lebensfeindlich und bedrohlich. Ich durfte sie kennenlernen, und es wurde die schönste Erfahrung meines Lebens. Nichts stört den Blick über Sanddünen zum Horizont, die unglaubliche Weite vermittelt das Gefühl von Ungebundenheit und Freiheit. Die goldgelben und braunen Farben des Sandes und das Blau des Himmels füllen Dich mit einer bis dahin nicht gekannten inneren Ruhe. Du fühlst dich leer, kannst in dich hineinhören.
Der Wind ist tagsüber dein ständiger Begleiter. Sein auf- und abschwellender Ton singt das Lied er Wüste, sagen die Beduinen. Irgendwann beim Wandern durch die Sanddünen hörst Du ihm zu, beobachtest gedankenverloren, wie er den Sand zu deinen nackten Füßen kräuselt und Sandfahnen von den Dünenkämmen in den blauen Himmel weht. Wenn dann die Dämmerung die Herrschaft über die Wüste nimmt und sie in ein dunkles Rot taucht, läßt der Wind nach. Den Sonnenuntergang von einem Dünenrücken zu erleben ist unbeschreiblich, so schnell, so schwere Farben, die von Rot über ein dunkles kaltes Blau in ein purpurnes Schwarz fließend übergehen.
Du wickelst dich in deine Decken und bettest dich in den Sand zum Schlafen. Das, was dir über Tag den Eindruck von Weite und Freiheit gab, setzt sich nun fort im Erleben der Unendlichkeit des Sternenhimmels. Sterne, die sich zu Wolken formieren, der ganze Himmel ist bestäubt mit Gold und Silber. Im "Hôtel aux mille étoiles" hast du das schönste Zimmer. Während die Kamele auf ihrer Suche nach vertrockneten Gräsern und Sträuchern ihre dunkles Gurgeln durch die Nacht klingen lassen, schläfst du ein, mit einem bis dahin unbekannten Gefühl der Sicherheit und Zufriedenheit. In kurzer Zeit wird das Sandmeer dein vertrautes Zuhause.
Das Feuer wird entfacht
Dann kam der Tag, an dem sich am Horizont die Silhoutte von drei Kamelreitern zeigte. Es waren Falkner, deren Vögel verhaubt auf den Höckern der Kamele saßen. Zaad merkte meine Faszination und führte unseren Trek auf sie zu. Nach einer kurzen Diskussion ließ er eins unserer Kamele vom Lasten- zum Reittier umsatteln, und ich durfte mit den Falknern auf Houbarajagd gehen. Wir jagten, abends wurde ein gusseiserner Grillrost ausgepackt und wir aßen das Fleisch der erlegten Houbaras, wir das gegrillte, die Falken das rohe. Wir saßen im Sand vor dem Feuer, die Falken zufrieden zwischen uns. Wir tranken Tee und rauchten die Nargileh, in unseren Breiten bekannt als Shisha. Es war ein Erlebnis, das mich zwei Jahre später nach Hellenthal in die Greifvogelstation verschlug und zum Falkner werden ließ.
Ich bin der Phoenix aus der Asche...
Die Wüste ändert dich und deine Sichtweise auf die Welt. Ich liebe sie, und sie zeigte mir dafür ihre ganze Vielfalt. SIe lehrte mich, die wahren Werte im Leben zu erkennen. In der letzten Nacht bauten die Beduinen hektisch und das einzige Mal ein Zelt auf, weil die Kamele ihre Nüstern weit aufrissen und in den Wind hielten. Sie brüllten hin und wieder, als ob sie den aufziehenden Sturm spürten. Wenig später fegte er dann über uns hinweg, durch den aufgewirbelten Sand war tiefschwarze Nacht.
Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei, das Heulen des Windes legte sich langsam. Als wir nach draussen blickten, hatten perlengroße Hagelkörner die Wüste in eine glitzernde Traumlandschaft verzaubert.
Beeindruckt wickelten wir uns in unsere Decken und schliefen. Morgens weckte mich Zaad und zog mich lächelnd zum Zeltausgang. Über Nacht hatte sich die Wüste von einer silbernen Eislandschaft in ein Meer aus Millionen gelb, rosa, weißen und hellblauen Blüten verwandelt, ein süßlicher Duft lag über den Dünen.
„Tu as compris?“, fragte Zaad augenzwinkernd. Seitdem bin ich den Eindrücken der Wüste erlegen. Manchmal, wenn ich gedankenverloren in den Himmel schaue oder Bilder von Wüstenlandschaften sehe, dann fühle ich tausend Hände meine Schultern greifen und höre den Wüstenwind, der in seinem Heulen eine Stimme mit sich trägt, die flüstert: 'Reviens...!'
Und wie ging es weiter?
Der Rest ist schnell erzählt. Ich wurde Falkner. Ich riss das Ruder herum. Die Firma hat überlebt und wurde 2025 liquidiert, mit mir wieder mal als "Last man standing". Die Wüste hat mich gelehrt, daß es im Leben Dinge gibt, die wichtiger sind als das Streben nach Geld und Anerkennung durch andere. Es ist das Wissen um das, wer Du bist, was dich wirklich ausmacht, denn aus diesem Wissen entwickelst du deine Visionen, deine Kraft und Energie. Mit diesem Wissen trittst du Menschen anders gegenüber. Viele verschwinden einfach im Treibsand. Aber irgendwann triffst du jemanden, der anders, besonders ist. Mit ihm besteigst du jede Düne und folgst ihrem Kamm, wohin ist egal, Hauptsache ihr geht zusammen. Wenn er mal strauchelt und den Weg aus den Augen verliert, hilfst du ihm auf und bringst ihn wieder auf den Pfad, dem ihr beide folgt, denn er würde dasselbe für dich tun, weil ihr Freunde seid. Er schickt dich, wenn es dir mal nicht so gut geht, mit einer Melodie auf die Reise in die Sahara. Er weiß verdammt genau wann du es brauchst. Dann schließt du die Augen, läßt dich von der Musik in die Wüste tragen, die dich zu dem gemacht hat, der du jetzt bist, fliegst mit den Falken und siehst die Kamele trotten, spürst den Wind, der dich mit sich trägt und alles vergessen läßt. Was soll ich sagen? Es lebt sich gut als Falkner...